Entwicklung der Puppenstuben im Verlaufe der Zeit
Die Geschichte der Puppenhäuser in unserem Kulturraum ist gar nicht so alt, wie man vermuten
könnte. Ganz im Gegensatz zu den Puppen, deren Existenz man weit in die Urzeit zurückverfolgen
kann.
Die Frage, ob solch fragile Kostbarkeiten, wie man sie in Puppenhäusern und Kaufmannsläden
bewundern kann, je für Kinderhände zum Spielen gedacht waren, taucht immer wieder auf.
Das erste Puppenhaus, von dessen Existenz wir wissen, liess Herzog Albrecht V. von Bayern 1557
errichten. Es wurde leider durch den Brand der Münchner Residenz 1674 zerstört. Dank eines
erhalten gebliebenen seitenlangen Inventars haben wir genaue Kenntnisse, wie es ausgestattet war,
so z.B. dass es bereits eine Badestube besass. Es wurde sicher nicht für die herzoglichen Kinder
geschaffen. Als blosses Anschauungsobjekt liess Herzog Albrecht es in seiner Kunstkammer in
München ausstellen.
Noch bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts befriedigten solche Puppenhäuser eher den
Besitzerstolz des Auftraggebers als das Spielbedürfnis des Kindes.
So wie heute die bis ins Detail eingerichteten prachtvollen alten Puppenhäuser in Basel,
Deutschland, England und Holland in Museen stehen – also weiterhin den Kinderhänden entzogen
bleiben – sind die in unserem Museum ausgestellten Objekte ebenfalls Sammelstücke für
Erwachsene geworden, obwohl mit diesen Häusern, Küchen und kleinen Läden früher zum Teil
sicher gespielt worden war. Ihr Platz ist nicht mehr im Kinderzimmer; Sie stehen heute wohl meist
geschützt in Glasschränken und Büchergestellen im Wohnzimmer zur Freude der erwachsenen
Besitzer, die sich vielleicht als Kind ein solches Haus oder eine bespielbare Küche gewünscht aber
nie bekommen hatten, oder es ist die Faszination am Einrichten und Arrangieren Hunderter kleiner
Dinge zum abgerundeten Ganzen, die den Sammler zum Kauf dieser Miniaturen reizt.
Erst im späten 18.und frühen 19.Jdh. begann man dem kindlichen Gemüt Rechnung zu tragen,
indem man dem Kind Raum zum Spielen gewährte. Das Spielzeug wurde als eines der wichtigsten
Erziehungsmittel entdeckt. Das Spiel sollte zur Bewältigung von Lebenssituationen dienen, zum
Nachahmen und Einüben von Alltäglichem. Die Beschäftigung mit dem Spielzeug führte das Kind
in den Pflichtenkreis ein, der ihns erwartete. Der Pädagoge und Schöpfer des modernen
Kindergartens – Friedrich Fröbel – schrieb: “Durch das Spiel wird die Welt entdeckt und erobert.“
Durch diese Erkenntnisse nahm die Herstellung von Spielzeug ihren grossen Aufschwung.
Überall auf den Märkten wurde nun Spielzeug angeboten. So erzählt Goethe: „Es war ein Topfmarkt
gewesen, und man hat nicht nur die Küche mit Waren versorgt, sondern auch uns Kindern das
gleiche Geschirr zur spielenden Beschäftigung eingekauft.“
Liest man im Katalog des Spielzeugproduzenten Bestelmeier aus Nürnberg von 1803 das Angebot
unter den Puppenhäusern, so hat man sofort das grosse, wohleingerichtete Schloss aus unserer
Ausstellung vor Augen: „Ein grosses Dockenhaus, die vordere Wand desselben, welche mit
Glasfenstern und Vorhängen versehen ist, kann man auf- und zuschieben. Das Haus enthält ein
schön meubliertes Zimmer, neben dran eine Schlafkammer, ferner eine Küche, unten den Stall,
nebst 2 Pferden und eine niedliche Kutsche, woran man diese Pferde einspannen kann.“
Weiter wird in diesem Katalog angeboten: „Läden mit Spielwaren: In diesen befindet sich beinah
das meiste, was in das Fach Spielerey gehört. In allen 60 Stück und eine Verkaufsfrau. Der Laden
hat eine Türe, die man öffnen und schliessen kann.“ Daneben stehen auch Stoff-, Mode- und
Putzmacherläden im Angebot.
Tatsächlich begann mit solchen Läden das Spiel. Die Puppenhäuser wurden bescheidener und waren
nicht mehr so gross. Sie wurden oft auf zwei bis drei Räume reduziert. Die Einrichtungsgegenstände
folgten jedoch immer den Modeströmungen, und somit geben sie Einblick in die Wohnkultur
vergangener Epochen und sind kulturhistorisch interessant. Dabei ist aber zu bedenken, dass
Möbelchen brachen, Dinge verloren gingen und in späterer Zeit ergänzt wurden, sodass die
bespielten Häuser und Küchen sich selten stilrein präsentieren.
Um 1830 kam in Deutschland das Blechspielzeug auf. Davon zeugen in der Ausstellung die
mechanischen Jahrmarktobjekte wie Karussells, Riesenrad usw.
Die Faszination der Papiertheater, wie sie in zwei Exemplaren in der Ausstellung auch anzutreffen
sind, begann anfangs des 19.Jhd. und dauerte bis zum 1.Weltkrieg. Deren Vorläufer waren die
Guckkästen und die Ausschneidebögen. Das Spiel mit den kleinen Bühnen verband das Interesse
und Bestreben der Erwachsenen, den Kindern via Minitheater wesentliche literarische
Bildungsinhalte zu vermitteln. So gelangte manch Stück Weltliteratur ins Kinderzimmer, in
kindergerechter Aufbereitung.
Um die am Anfang aufgeworfene Frage zu beantworten, haben mit den ausgestellten Puppenstuben
nur teilweise je Kinder gespielt.
Annemarie Wick